Naturschutz

Bei jedem Spaziergang durch die Natur erhält man viel mehr als man gesucht hat.
In every walk with nature one receives far more than he seeks.
John Muir

Was hat Naturschutz mit Pilzen zu tun?

In meinen Seminaren werde ich oft gefragt, warum man früher mehr Pilze gefunden hat. Viele Menschen erinnern sich, dass sie in ihrer Kindheit oder Jugend viele Pilze wie z. B. Pfifferlinge oder Wiesenchampignons sammeln konnten.

Die Gründe für den Rückgang der Pilze sind vielfältig und die Ursachen müssen auch für jede Pilzart einzeln betrachtet werden. Was man jedoch sicher sagen kann: Das Sammeln von Pilzen ist nicht der Grund für den Artenrückgang!
Hierzu gab es in der Schweiz eine Studie, die 29 Jahre den Einfluss des Pilzesammelns auf die Pilzflora untersuchte.

„… Auf Versuchsflächen wurden alle Fruchtkörper (Makromyceten) wöchentlich systematisch gesammelt und kartiert und mit Kontrollflächen verglichen, wo die Pilze stehen gelassen, das heisst,nur gezählt wurden. Dabei wurden die zwei Sammelmethoden «pflücken» und «abschneiden»miteinander verglichen.Im Jahr 1989 wurde die Untersuchung auf ein zweites Pilzreservat ausgeweitet, den «Moosboden», im subalpinen Fichtenwald der Region Gruyère. Hier wurde zusätzlich der Einfluss des mitdem Sammeln verbundenen Betretens des Waldbodens miteinbezogen.Die ResultateDie Daten aus total 29 Jahren Untersuchungsdauer wurden mit statistischen Methoden ausgewertet. Es konnte nachgewiesenwerden, dass sich auf den Probeflächen, die systematisch abgesammelt wurden, weder die Anzahl Fruchtkörper noch die Anzahl Arten über die Versuchsdauersignifikant verändert hat, unabhängig davon, ob die Pilze gepflückt oder abgeschnittenw urden. Das mit dem Sammeln verbundene Betreten dagegen hat die Fruchtkörperproduktion negativ beeinflusst. Es wurden auf den betretenen Probeflächen signifikant weniger Pilze gezählt als auf den nicht betretenen (die Pilze wurden hier von Laufstegen aus gesammelt bzw. gezählt).Über die ganze Versuchsdauer gesehen, hat sich die Anzahl Arten auf den betretenen Flächenjedoch nicht verringert. …“
DetailsEgli,S.,Peter,M.,Buser.C.,Stahel,W.,Ayer,F.(2006).Mushroompickingdoesnotimpairfuture harvests – results of a long-term study in Switzerland. Biological Conservation 129: 271-276.Die Orig

Jedoch können einige Punkte aufgezählt werden, die den Artenverlust (nicht nur bei Pilzen) entscheidend vorantreiben:

  1. Hohe Stickstoffkonzentrationen durch Überdüngung (Gülle/Kunstdünger) und NOx aus der Luft
    … Man weiss heute, dass Mykorrhizapilze sehr sensibel auf Umweltveränderungen reagieren, ganz besonders auf erhöhte Stickstoffkonzentrationen im Boden. In den stark stickstoffbelasteten Gebieten in den Niederlandenwurde in den 1980er Jahren ein drastischer Rückgang der Mykorrhizapilzefestgestellt. In Düngungsversuchen konnte dieser Effektexperimentell reproduziert werden. Aber nicht nur die Fruchtkörper, auch das unterirdische Pilzmycel von Mykorrhizapilzenzieht sich unter erhöhter Stickstoffzufuhr zurück und vermag die Baumwurzeln nicht mehr zu besiedeln, wie einDüngungsversuch im Pilzreservat Moosboden im Kanton FR gezeigt hat. Dies ist eine ernstzu nehmende Entwicklung, deren Folgen für den Wald heute kaum abschätzbar sind.  …“
    aus „Mykorrhizapilze auf dem Rückzug – was bedeutet das fürden Wald?“, Simon Egli, WSL Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft
    abgerufen über https://www.waldwissen.net/assets/wald/pilze_flechten/wsl_mykorrhizapilze/download/wsl_mykorrhizapilze_originalartikel.pdf.pdf am 25.03.2021
  2. Habitatverlust

 

Wie ist der Zustand unerer Wälder?

Pilze wachsen in Habitaten, die wir gerne als ursprüngliche Natur wahrnehmen z. B. im Wald. Jedoch gibt es annähernd kein Gebiet (weltweit), das nicht durch den Menschen beeinflusst ist. Unsere Wälder sind oftmals Wirtschaftsforste, die dazu dienen Holz zu produzieren. Somit werden häufig Bäume (wie z. B. Fichten) gepflanzt die einen schnellen Ertrag erzielen.

In unseren Wäldern wird jedes Jahr durch die sogenannte Waldzustandserhebung der Gesundheitszustand der Bäume evaluiert. Aus der Veröffentlichung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft für das Jahr 2020 entnehme ich folgendes:

„… Ein Drittel der Landesfläche Deutschlands (11,4 Millionen Hektar) ist mit Wald bedeckt. Die häufigsten Baumarten in Deutschland sind die Nadelbäume Fichte (25 Prozent) und Kiefer (23 Prozent), gefolgt von den Laubbäumen Buche (16 Prozent) und Eiche (11 Prozent). Der Kronenzustand hat sich 2020 im Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr weiter verschlechtert.

Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten 2018 – 2020 hat verbreitet dazu geführt, dass die Blätter vorzeitig abgefallen sind. Bei der Fichte begünstigte sie, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Absterberate nochmals gestiegen. Vor allem unsere alten Wälder (>60 Jahre) sind betroffen. …

Im Durchschnitt aller Baumarten betrug im Sommer 2020 der Anteil der deutlichen Kronenverlichtungen (Schadstufen 2 bis 4) 37 Prozent. Auf die Warnstufe entfielen wie im vergangenen Jahr 42 Prozent. Ohne Verlichtung waren nur noch 21 Prozent; 2019 waren es 22 Prozent. Die mittlere Kronenverlichtung ist von 25,1 Prozent auf 26,5 Prozent gestiegen.“

(https://www.bmel.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/waldzustandserhebung.html, abgerufen am 23.03.2021)

Aber was sind die Faktoren, die zu diesem schlechten Zustand unserer Wälder führen?

„…Ursache hierfür sind vor allem die Hitze und Dürre, aber auch die anhaltend hohe Schadstoffbelastung in der Luft und Schadinsekten, deren Massenvermehrung durch die Witterung in den zurückliegenden Jahren begünstigt wurde. …

Der Klimawandel wird sehr wahrscheinlich eine Häufung und Intensivierung von Extremwetterereignissen zur Folge haben. Hitze, Trockenheit und Stürme werden zudem das massenhafte Auftreten von Schadinsekten begünstigen. Das Sturm- und Dürrejahr 2018 machte sich deutlich im Schadholzeinschlag bemerkbar, der 2018 insgesamt bei 31,9 Mio. m³ lag. Dabei sind nicht alle Baumarten in gleicher Weise betroffen. Während die Schäden durch Borkenkäferbefall sich vor allem in der Fichte zeigen, sind es bei der Eiche und Kiefer die Sturmschäden, welche 2018 zu hohen Schadholzaufkommen führten. Zu den sonstigen Ursachen werden Brandholz-, Pilz- und Trocknisanfall gezählt. …

Der Kronenzustand hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders bei den Laubbäumen verschlechtert. Ursache hierfür sind vor allem die Hitze und Dürre, aber auch die anhaltend hohe Schadstoffbelastung in der Luft und Schadinsekten, deren Massenvermehrung durch die Witterung in den zurückliegenden Jahren begünstigt wurde. …

Die Buche ist mit aktuell 16,1 % Flächenanteil die häufigste Laubbaumart in Deutschland. Neben den starken Schäden an vielen Nadelbäumen wird auch die Buche durch die langanhaltenden Trockenperioden zunehmend geschwächt. Betroffen sind hauptsächlich die älteren Buchen. Laut Wald-zustandserhebung (2018) zeigen 45 % der Bäume ab 60 Jahren deutliche Kronenschäden. Nur 19 % aller Buchen sind gesund und haben keine Kronenverlichtung. Durch die leeren Bodenwasserspeicher sterben die Feinwurzeln ab, die für die Wasserversorgung essentiell sind. Rindenschäden durch Sonnen-brand führen zudem zu einem stärkeren Befall mit Holzfäulepilzen oder Insekten, wie dem Buchenborkenkäfer. Neben dem direkten Verlust der Bäume und Ernteeinbußen stellen die toten Bäume auch eine große Gefahr durch herabfallende Äste für Waldbesucher und Waldarbeiter dar. …

Die Fichte ist die häufigste Baumart in Deutschland und bedeckt 25,3 % der Waldfläche. Wegen ihrer guten Festigkeits- und Elastizitätseigen-schaften wird ihr Holz als Bau- und Konstruktionsholz geschätzt. Wie keine andere Baumart leidet die Fichte unter den zunehmenden Dürre- und Sturmereignissen, wie sie mit dem Klimawandel häufiger zu erwarten sind. 70 % der Bäume haben Kronenschäden. Zusammen mit Tanne und Douglasie hat die Fichte den Hauptanteil am Schadholz-einschlag, der im Jahr 2018 bei 24,3 Mio. m³ lag. Die flachwurzelnden Fichten leiden zum einen direkt unter dem Trockenstress und können sich dann nicht mehr gegen den Borkenkäfer wehren. Zum anderen sind sie besonders anfällig gegenüber Sturmwurf. …“

(https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Wald/Daten_Hintergrund_Waldgipfel.pdf?__blob=publicationFile&v=1; abgerufen am 23.03.2021)

Was wird getan?

„…Die Entwicklung klimaplastischer Mischwälder durch den ökologischen Waldumbau ist eine langfristige Aufgabe, deren Umsetzung die Forstwirtschaft bereits seit mehreren Jahrzehnten verfolgt. Ziel ist die kontinuierliche Ablösung nicht standortgerechter Fichten- und Kiefernwälder durch standortgerechte Laub- und Mischwälder. …
In naturnahen Wäldern wachsen Baumarten, die auch natürlicherweise auf dem jeweiligen Standort vorkommen würden. Der Waldumbau fördert die heimischen Laubbäume. Während der Anteil naturnaher und sehr naturnaher Bestockung bei den älteren und größeren Bäumen bei 36 % liegt, ist er bei der jungen Baumgeneration bereits bei 51 %. Die Wälder der Zukunft sind standortangepasster, klimastabiler und auch naturschutzfachlich wertvoller. …“

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Wald/Daten_Hintergrund_Waldgipfel.pdf?__blob=publicationFile&v=1